Wir spielen Xylophon

Eine Anleitung zum Musizieren
auf den Stabspielen von Michael Salb

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Hier erhalten Sie Einblick in Aufbau und Methodik des Kinderheftes

"Wir spielen Xylophon"
ist mit Kindern im Alter von ca. 6 Jahren,
meist Erstklässler, entstanden

Erste Begegnung mit den Stabspielen

Am Beginn des Unterrichts steht die Geschichte von Xylo dem Biber und Phoni einem Vogel, die im Spiel das Xylophon entdecken.

Nachdem die Kinder durch die einleitende Geschichte einiges über ihr Instrument erfahren haben, beginnen sie selbst ihre Xylophone zu untersuchen und zu bespielen. Diese Phase ist für Kinder besonders spannend und es entwickelt sich eine positive Beziehung zu „ihrem“ Instrument. Schade, dass sich kaum ein anderes Musikinstrument derartig zerlegen lässt, sie büßen dadurch als „Spielzeuge“ einige Pluspunkte ein.

Auch beim Umgang mit Schlägeln, die ja ebenfalls zum Instrument gehören, finden Kinder vielfältige Verwendungsmöglichkeiten. Die Palette reicht von Geschicklichkeitsspielen bis hin zur Verwendung als Stierhörner, Skistöcke und so weiter. Geiger könnten sich hier ein paar Pluspunkte holen, wenn ihnen ihr Bogen zum Beispiel als Schwert oder Angel nicht zu schade wäre.

Nach dieser Experimentierphase spielen die Kinder bereits noch in der ersten Stunde ihr Lieblingslied, meist „Alle meine Entchen“. Alle kleinen Geigen-, Flöten- und Gitarrenkollegen werden staunen, bestenfalls die Einfingerpianisten könnten hier nach nur einer Unterrichtsstunde mithalten.

Die jeweils angeführten Kurzvergleiche mit anderen Instrumenten wollen andeuten, dass die Stabspiele schon von ihrem ganzen Aufbau und der einfachen Spieltechnik her einem kindgemäßen Instrumentalbeginn sehr entgegenkommen. Dagegen muss bei fast allen anderen Instrumenten eine wohlüberlegte Methodik dafür Sorge tragen, dass das geforderte „Spiel mit Instrumenten“ nicht ganz dem „Instrumentalspiel“ zum Opfer fällt.

Auf dem Weg zur Notation

Ein weiterer Bereich innerhalb des Unterrichts ist das Entdecken und Erfinden von Zeichen für Spielaktionen. Diese Zeichen können eine ganzkörperliche Bewegung oder eine kleine Geste sein, vielleicht auch ein kurzes Wort, welches den Spielvorgang erfasst, und schließlich aufgemalte Symbole (s. Abb. 1).

Diese Vorgehensweisen sind Kindern mit Erfahrung in "Musikalischer Früherziehung" zwar vertraut jedoch unerlässlich, um ihnen die Übertragung auf das jetzt zu spielende Instrument zu ermöglichen.

Für Kinder ohne musikalische Früherziehung ist ein durchdachter Beginn mit graphischer Notation bekanntlich ein sinnvoller Schritt zum Verständnis der allgemein üblichen Notenschrift.

Das Erfinden von Zeichen für die verschiedensten Spielaktionen ist an sich auf allen Instrumenten möglich, lediglich die Vielfalt der für das Instrument bedenkenlosen Aktionen ist auf den Stabspielen sicherlich am größten.

Könnte man Kinder zum Beispiel auf der Geige walten lassen wie sie wollten, so würden deren Ideen das gesamte Bogenführungs- und Klangfarbenrepertoire klassischer und selbst neuzeitlicher Streicherliteratur sicherlich weit übertreffen.

Von oben nach unten zu tief und hoch

Nach diesem Erfinden von Spielaktionen und der Entdeckungsreise durch „Notationsmöglichkeiten" befassen wir uns mit den musikalischen Parametern hoch - tief, schnell - langsam und deren Umsetzung auf das Instrument. Auch dieses ist ein Thema aus der Musikalischen-Früherziehung, das der Übertragung auf das Instrument bedarf, beziehungsweise bei Schülern ohne musikalische Vorkenntnisse eine besondere Beachtung verdient.

Die Begriffe "hoch" - "tief" sind für Kinder mit allen möglichen Inhalten besetzt, und es benötigt einige Zeit, bis diese Wörter im musikalischen Sinn richtig zur Verfügung stehen. Die Anordnung der Töne bei Stabspielen kommt dem Verständnis dieser Begriffe besonders entgegen. „Orff-Instrumente“ kann man sogar hochkant aufstellen, so dass die hohen Töne wirklich „oben“ sind. Das Klavier, bei welchem die Töne ja genauso übersichtlich angeordnet sind, bietet diese Möglichkeit bekanntlich nicht. Aber gerade solche „Spielchen“ bieten den Kindern eine ganz andere Erlebensatmosphäre, welche ihre Anteilnahme am Geschehen um vieles vertieft.

Die Blockflöte gibt den Aufbau ihrer Tonhöhen nur sehr langsam preis, zumal im Unterricht meist mit den Tönen c - a - h begonnen wird. Auch vergeht eine geraume Zeit, bis auf der Blockflöte improvisatorische Spiele auf tiefen, hohen und mittleren Tönen möglich sind. Bei Tasteninstrumenten und Stabspielen ist dies ab der ersten Stunde durchführbar. Streich- oder Zupfinstrumente sind in diesem Zusammenhang vorerst auf Saitenwechsel und Glissandi beschränkt.

Zur graphischen Notation der Spielaktionen in verschiedenen Tonlagen dienen uns Bälle, Seifenblasen und Luftballons (s. Abb. 2). Sie werden mit bereits bekannten oder auch neuen Zeichen versehen. Die dazugehörenden Spielaktionen werden entsprechend auf tiefen Tönen, in mittlerer Tonlage oder ganz hoch gespielt. Die Bälle, Seifenblasen und Luftballons stehen in der Stunde konkret zur Verfügung. Als anfängliche Orientierungshilfe kann ein Ball links vom Xylophon abgelegt und ein Luftballon bei den hohen Tönen rechts befestigt werden. Die Parameter schnell und langsam werden ähnlich spielerisch erarbeitet, zum Beispiel mit Hilfe unterschiedlich schnell laufender Tiere. Für differenziertere rhythmische Abläufe verwenden wir kurze Sätze, Wörter oder abstrakte Rhythmussilben, die je nach Klangfarbe beziehungsweise Anschlagsart variieren.

Noten - hin oder her

Notenschrift ist bei Weitem nicht so leicht zu erfassen, wie gelegentlich formuliert. Noten sind komplexere und vielschichtigere Informationsträger als Buchstaben oder Zahlen!

Dies zeigen die vielfältigen Methoden, welche schon erfunden wurden, um vier- und fünfjährigen Kindern die Noten einzutrichtern. Methoden, die aber auch nicht wirklich helfen.

Angefangen bei farbigen Noten, die überflüssigerweise auch noch in fünf Linien gesetzt werden, obwohl Farbkleckse auf einer Linie den gleichen Zweck erfüllen würden, bis hin zur Früchtenotation, wo Notenköpfe durch formverwandte Früchte ersetzt werden (c = Citrone, a = Apfel, usw.). Hier führte ganz offensichtlich eine richtige Erkenntnis, dass nämlich die gebräuchliche Notenschrift für Vorschulkinder zu abstrakt ist, zu vielleicht gut gemeinten, aber eben doch ungeeigneten Methoden.

Dies alles hat sehr wesentlich dazu beigetragen, dass viele Eltern der Ansicht sind „ohne Noten keine Musik“, oder „wenn schon musizieren, dann auch Noten lernen“. Man hat vergessen, dass es schon immer hervorragende Musiker gegeben hat und weiterhin geben wird, die ihre große Musikalität ohne Notenkenntnisse entfaltet haben, nicht nur im Jazz, sondern auch in jeder anderen Stilrichtung. Schließlich bedurften auch Bach, Mozart oder Beethoven keinerlei Noten, um ihre genialen Musikwerke zu empfinden und auszudrücken. Wer diese Sachverhalte ernst nimmt und neben reproduzierbarer Musik auch die vielen Möglichkeiten der Improvisation in den Unterricht einbezieht, wird noch so manches deutliche Gespräch mit Eltern („mein Kind spielt alles nur nach Gehör und kann noch immer keine Noten“) und auch Kollegen führen müssen, aber er ist sicherlich auf dem richtigen Weg.

Für eine Vorgehensweise ohne Noten ist übrigens eine Kinderinstrumentalschule, bei welcher die zu spielenden Lieder auch in Noten abgedruckt sind, keineswegs hinderlich. Dies hilft zum Beispiel Notenkundigen Eltern, ein Musikstück zu spielen, das sie nicht, wie die Kinder, im Unterricht durch Singen, Mitspielen, Vorspielen, Nachspielen und Ähnliches gelernt haben. Sie können dann auch helfen, kleine Gedächtnislücken ihrer Kinder wieder aufzufüllen. Für die Kinder selbst entwickelt sich mehr oder weniger unbewusst ein Wissen um die Prinzipien der Notenschrift.

Schlägelnotation

Die Schlägel der Stabspiele stellen eine enorme Hilfe zur Veranschaulichung der traditionellen Aufzeichnung von Tönen dar.

Ein quer gehaltener Schlägel gibt die räumliche Orientierung, der senkrechte Schlägel wird dazu in vier verschiedenen Positionen gehalten: Zeichen für unsere ersten vier Töne.

Die Kinder überlegen sich auch andere „Zeichen“ für diese vier Töne, zum Beispiel Nummerierung, beliebige Namen, vier verschieden hohe Berührungspunkte am Körper, verschiedene Handzeichen und ähnliches. Am einfachsten lassen sich jedoch die Schlägel aufmalen.

Für die rhythmischen Sprechsilben (dong = Viertel, dingi = zwei Achtel) werden ebenfalls Symbole vereinbart. Dadurch lassen sich mit ein wenig Übung einfache Tonhöhen- und Rhythmusverläufe in der Luft zeigen oder auch aufmalen. Mir ist kein anders Musikinstrument bekannt, bei welchem eine solche nahtlose und für Kinder anschauliche und logische Verbindung vom Instrument zur Notenschrift möglich ist.

Sicherlich ist es nicht schwer vorzustellen, dass das Erscheinen der ersten Noten (s. Abb. 4), keinerlei Verständnisschwierigkeiten mit sich bringt. Lediglich der Prozess des Einprägens und Umsetzens auf das Instrument bedarf noch der behutsamen Wiederholung. Spiele stehen hier im Vordergrund.

Spiele dich frei

Das freie Spiel, die Improvisation fristet immer noch ein Schattendasein in zeitgenössischen Instrumentalschulen. Es gibt kaum ein Instrument, wo nicht von Anfang an auf irgendeine Art und Weise improvisiert werden kann. Tasteninstrumente und Stabspiele sind allerdings fast die einzigen Instrumente, wo von der ersten Stunde an auch in einem tonalen Rahmen Improvisation möglich ist.

In meinem Unterricht nimmt das freie, von Noten unabhängige Spiel den gleichen Raum ein wie die Realisierung von vorgegebenen Stücken. Jedes Lied enthält systematisch Material, das die Improvisationsfähigkeit entwickelt: vom vollkommenen Durcheinanderspielen auf allen Tönen (s. Fliegenlied) über die Begrenzung auf wenige Töne, die Vorgabe der Tonhöhenrichtung, rhythmische Modelle bis hin zu motivischem Spiel, Umkehrungs- und Krebsspielereien.

Dies alles bietet gerade in einem Alter, wo das Reproduzieren – ob mit oder ohne Noten – immer seine kleinen Schwierigkeiten hat, eine Fülle von Chancen zu musikalischer und spieltechnischer Entwicklung.